Barotseland: Wo zur Begrüssung in die Hände geklatscht wird

Gesellschaft für bedrohte Völker, Schweizer Sektion, vielfalt

 Sambia
ist ein typischer multikultureller Staat, der seine Grenzen von der britischen
Kolonialzeit geerbt hat. Die 73 Ethnien lassen sich in neun Sprachgruppen
einteilen. Eine der vier offiziellen Sprachen ist Kalolo, die Sprache der
Lozi. Die 557’000 Lozi definieren sich vor allem über ihr Königshaus
und ihre eigenständige Kultur. Eine ungewöhnliche Begegnung im Westen Sambias.

Von
Marcel Stoessel*[1]

Zwischen
Simbabwe und Sambia ist wohl der spektakulärste Grenzübergang der Welt: eine
111 Meter hohe Brücke über den Sambesi. Es ist eine von nur zwei Brücken auf
den 3540 Kilometern des Sambesi. Livingstone heisst das Städtchen auf
der sambischen Seite, benannt nach dem ersten Weissen, der die prächtigen
Viktoriafälle gesehen hat. David Livingstone wollte über den 1851 von ihm
entdeckten Fluss („God‘s Highway“) das Christentum ins Innere
Afrikas bringen.

Wir
sind unterwegs in die Provinz Western Zambia, einen Teil Afrikas, der
noch ein bisschen so ist, wie ihn Livingstone vorgefunden hat. Für die meisten
Menschen in diesem schwer erreichbaren Gebiet sind Missionare, gelegentliche
Sportfischer und seltene Mitarbeiter von Hilfsorganisationen die einzigen Ausländer,
die sie in ihrem Leben sehen. Die relative Abgeschiedenheit der Lozi ist
für ihre kulturelle Eigenheit mitverantwortlich, die sich am auffälligsten
durch das Händeklatschen zur Begrüssung zeigt. Doch ihr Stolz geht tiefer in
ihre Geschichte.

Ein
inoffizielles Königreich

Das Königreich
der Lozi, zu dem auch unterworfene und assimilierte Stämme zählen, geht
ins 17. Jahrhundert zurück. Viele der insgesamt 557’000 Lozi leben in
anderen Landesteilen, rund 84’000 anderswo im Südlichen Afrika. Ihr
angestammtes Gebiet in der Westprovinz ist heute ein Teil Sambias, doch die Lozi
nennen es noch immer Barotseland.(„bulozi“ = „Land der Lozi“).

Im Land der Lozi
fahren wir dem Sambesi entlang gegen Norden. Die jährlichen Überflutungen in
der Sambesiebene sind noch heute Lebensgrundlage für die Lozi, die grösstenteils
von Landwirtschaft und Fischerei leben. Das flache Grasland verwandelt sich in
der Regenzeit zu einem grünen, überschwemmten Paradies. Zahlreiche Menschen
ziehen sich dann in höhere Lagen zurück.


Zu ihnen
gehört auch der König: Der Litunga (= „Erde, Land“) hat ebenfalls
zwei Wohnsitze. Irgendwann im Februar oder März fahren er und der gesamte Hof
unter Trommelgetöse sechs Stunden per königlichem Boot von Lealui nach Limulunga.
Unzählige Kanus begleiten dabei den paramount chief auf dieser farbenprächtigen
Kuomboka-Zeremonie. Aufgrund eines zu tiefen Wasserstandes hat die
Zeremonie seit 1993 nicht mehr stattgefunden. Sie ist eine der wenigen
Gelegenheiten, bei denen das Volk den als halbgöttliches Wesen verehrten König
zu Gesicht bekommt.

Cola für den Premierminister

Der Litunga
ist über dem Volk; er meldet sich nie in öffentlichen Debatten zu Wort.
Zwischen dem Volk und dem König ist sein Premierminister (Ngambela), der
mit fast dem selbem Respekt behandelt wird. Durch einen Zufall stossen
wir auf einen Neffen des heutigen Premierministers Maxwell Mututwa. Er bittet
uns, seinem Onkel ein Geschenk (sechs Cola-Flaschen) sowie eine persönliche
Meldung zukommen zu lassen. Offenbar gibt es doch noch Orte auf dieser Welt, wo Coca
Cola
noch nicht Einzug gehalten hat. Wir willigen ein.

Von
Mongu, der grössten Stadt Westsambias, bringen uns zwei Führer mit einem Boot
zum Königssitz der Trockenzeit, Lealui. Als wir nach drei Stunden
endlich anlegen, gehen unsere beiden Lozi-Freunde schnellen Schrittes über
ein weites, offenes Feld zu einigen Hütten. Sie verhalten sich dabei sehr ehrfürchtig,
und auch wir versuchen, den grösstmöglichen Respekt zu erweisen. Wir grüssen
mit dem obligaten Händeklatschen. (NB: Die Grussformalitäten haben sich auch
nach der Einführung der ersten Telefone vor einigen Jahren nicht geändert::
Erst wird der Hörer hingelegt und geklatscht.)

Der
Respekt unserer beiden Führer vor der einen ihrer beiden Hauptstädte ist so
gross, dass sie sich dem „Königspalast“ nicht einmal nähern. Zu unnahbar,
zu gross ist der Litunga. Vor einem Betongebäude campiert eine grössere
Ansammlung von Menschen, die teils tagelang zu Fuss hierher gekommen sind. Der Ngambela
sei da drin, sagt man uns; er sitze dem Kuti vor, einem aus Chiefs
bestehenden Ältestenrat, der etwa über Landstreitigkeiten entscheidet. Zögerlich
gehen wir hinein und stellen uns in die Reihe.

„What
is your mission?“

Plötzlich
finden wir uns auf zwei Stühlen wieder. Vor uns sitzen neun ältere Chiefs
auf morschen Stühlen und schauen uns mit grossen Augen an. Wir klatschen zur
Begrüssung. „What is your mission?“, fragt einer bedeutungsvoll. Ich erkläre,
wir kämen aus der Schweiz und hätten nur die besten Absichten. Dabei schaue
ich möglichst alle neun gleichmässig an, denn ich möchte nicht zu erkennen
geben, dass ich nicht weiss, wer hier der Premierminister ist.

Endlich
gibt sich der leicht schwerhörige grossgewachsene Mann zu erkennen. Aus dem
Rucksack lasse ich die sechs Cola-Flaschen auftauchen, was ihn ausgesprochen
freut. Er  liest den Brief, steht
auf und gibt dem Volk strahlend bekannt: „Ich habe hier zwei VIPs aus der
Schweiz zu Besuch. Die Verhandlung ist für heute unterbrochen“.

Atmosphäre
eines Staatsbesuchs

Als uns Ngambela
Maxwell Mututwa
durch die Hauptstadt des Barotselandes zu seinem
Privathaus führt, werfen sich die Menschen links und rechts des Weges förmlich
zu Boden – und klatschen. Wir klatschen ebenfalls. Die Atmosphäre ist die
eines Staatsbesuchs, und Maxwell Mututwa weiss, was ein Staatsbesuch ist.
Ein Foto in seiner Hütte zeigt ihn an 10, Downing Street, wo er zu
besseren Zeiten einmal geladen war. Die Briten hatten den Lozi eine
grosse Autonomie gewährt. „Wir waren ein unabhängiger Staat“, übertreibt Mututwa.
Wie das gesamte Königshaus ist er erzürnt, dass sich die sambischen
Regierungen nach der Unabhängigkeit 1964 nicht an das sogenannte Barotse
Agreement
gehalten haben. Darin wurde die Autonomie des Barotselandes
festgeschrieben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Lozi für ihre
Nostalgie an die Zeit der „Unabhängigkeit“ jetzt mit Vernachlässigung
seitens des sambischen Staates bezahlen.

Verletzte
Gefühle eines Volkes

Die Lösung
ist für den Premierminister klar: „Wir müssen wieder unabhängig werden!“,
ruft er uns gleichsam zu. Während den nächsten zwei Stunden trägt er
engagiert vor, was bis 1964 alles besser war („Wir hatten unsere eigenen
Steuern“), wie enttäuscht er sowohl vom früheren (Kaunda) als auch
vom jetzigen Präsidenten (Chiluba) und weshalb eine auf chiefs
basierende Monarchie die beste Staatsform sei. Unterbrochen wird sein
engagiertes Plädoyer nur ab und zu von Untertanen, denen der er kurze präzise
Anweisungen gibt. Als wir ihm erzählen, wir hätten gehört, Chiluba käme
zur Eröffnung eines südafrikanischen Supermarktes nach Mongu, wühlen
wir in einer offenen Wunde. Mututwa ist zwar stolz darauf, dass ihn
gerade gestern der Präsident angerufen hat. Doch dass ihn der Staatschef nicht fragte,
ob er kommen dürfe, berührt den Premier ungemein. Der Widerspruch
zwischen der verfassungsmässigen Machtlosigkeit des Litunga und der
immer noch vorhandenen fast bedingungslosen Loyalität seines Volkes tritt hier
zutage.

Der
Kampf geht weiter
Diese Loyalität
wird das Königshaus weiterhin mindestens für Autonomieforderungen gegenüber
dem sambischen Staat nutzen. Einer der Prinzen der Königsfamilie, Akashambabatwa
Lewanika
, sagte im Oktober letzten Jahres, es sei weder gerecht noch legitim
für sein Volk, von einer ethnisch einseitigen und „totalitären Regirung“
unterjocht zu werden. Der Konflikt bekam einen Monat später einen
internationalen Aspekt, als Chief Mamili, der Führer einer ethnischen
Gruppe im namibischen Caprivi-Streifen, die sich den Lozi zugehörig fühlt,
in Botswana um Asyl nachsuchte. Der Chief fordert die Sezession des
Caprivi-Streifens und eine Einheit des Barotselandes, wie sie angeblich
vor der deutschen Kolonialzeit existiert hat. Seine Bemühungen bei der Southern
African Development Community
(SADC) werden angesichts bestehender
Minderheitsprobleme in praktisch allen Mitgliedsstaaten wohl kein Gehör finden.

Auch Maxwell
Mututwa
bittet uns zum Abschied, sein Anliegen unserem heimischen
Premierminister vorzutragen… Widerspruch leisten wir uns nicht. Wir sparen uns
die Bemerkung, dass zahlreiche Lozi ausserhalb des Barotselandes
nicht an Unabhängigkeit glauben und die Lebensfähigkeit eines Kleinstaates
zwischen Sambia und Angola fragwürdig ist. Zum Abschied klatschen wir.


[1]
* Marcel Stoessel lebt als freier Journalist in Genf.

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