Kambodscha: Königreich aus Tempeln und Schädeln


Gute Sicherheitslage erlaubt die Rückkehr der Touristen ins
Land der Khmer

Amerikanische Bomben, Landminen und Pol Pot ist das, was die Welt von
Kambodscha kennt. Doch das südostasiatische Land hat wahrlich mehr zu bieten,
zum Beispiel Angkor Wat, das grösste sakrale Bauwerk der Welt.

Eine Reise nach Kambodscha ist
heute zwar sicher, aber irgendwie noch immer ein bisschen verrückt. Gewiss, die
letzten Roten Khmer haben aufgegeben,
und die politische Lage hat sich nach den zweiten demokratischen Wahlen 1998
stabilisiert. Im ganzen war die Sicherheitslage in den letzten 30 Jahren noch
nie so gut. Und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass sich hier, genau
hier, all dies abgespielt hat. Nirgends fehlt es an Erinnerungen an die
schreckliche Vergangenheit. Pol Pot
verwandelte Kambodscha zwischen 1975 und 1979 in ein Land ohne Geld, Städte und
Schulen. Nicht weniger als 1.7 Millionen Menschen bezahlten diesen radikalen
Steinzeitkommunismus mit ihrem Leben.

 

Mönch übt Englisch

Kaum eine Familie, die nicht jemanden an die Roten Khmer verloren hätte.
Auch der Vater von Sokha, dem Fahrer meines Motorradtaxis, starb unter Pol Pot.
Doch darüber möchte er nicht sprechen. Sonst lässt er aber keine Gelegenheit
aus, sein rudimentäres Englisch zu üben, während er mir stolz für sechs
US-Dollar pro Tag die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Phnom
Penh
zeigt. Von Wat Phnom, einem Kloster auf einem kleinen Hügel, der Phnom
Penh den Namen gab, geht es zur prächtigen Silberpagode
neben dem Königspalast. Dort spricht mich Hoeung an, ein junger buddhistischer Mönch in oranger Robe. Auch er möchte Englisch üben
und lädt mich für Sonntag gleich in sein Provinzdörfchen ein, wo seit 1993
kein Ausländer mehr gesehen wurde. Dort bin ich innert Sekunden von Dutzenden
von Kindern umgeben, die nicht wissen, ob die Angst oder die Neugierde stärker
ist. Und Hoeung übertreibt an jenem Abend zum Abschied: „Diesen Tag werde ich
nie vergessen“.

 

Erinnerungen an Pol Pot

Unvergesslich ist zweifelsohne auch der nächste Halt von Sokha: die als
„Killing Fields“ bekanntgewordenen
ehemaligen Massengräber ausserhalb Phnom Penhs. In einem 25 Meter hohen
Glasturm sind als Mahnmal gegen den Völkermord Tausende von Schädel
aufeinandergetürmt. Fast scheint es mir, als seien ihre Geister noch immer präsent.
Ein anderer Ort des Schreckens auf dem Touristenpfad ist das „Tuol
Sleng Holocaust Museum“,
untergebracht in einer Sekundarschule, aus der
die Helfer Pol Pots ein Foltergefängnis gemacht hatten. Wer eine Brille trug,
war Verräter genug, um unter Elektroschocks gestehen zu müssen, für die CIA,
den KGB oder die Vietnamesen zu arbeiten. Von den Wänden starren mich vergrösserte
Passfotos an, Gesichter in Todesangst. Was ist das bloss für ein Land, in dem
Schädel genauso Touristenattraktion sind wie der Königspalast? Ein verrücktes
Land vielleicht, ein Land jedenfalls, das niemanden kalt lässt.

 

Das Reich der Khmer

Szenenwechsel: Früh morgens im Westen Kambodschas. Es ist noch kühl, Vögel
zwitschern, und man könnte meinen, dies sei der friedlichste Ort der Welt. Ein
40-jähriger Mann sitzt auf den steinernen Treppen von Angkor
Wat
, dem grössten Tempel der Welt, und spielt ein zweisaitiges Instrument.
Die ersten Touristen sind schon früh gekommen, um den Sonnenaufgang zu sehen.
Einige legen dem Musiker ein paar „Riel“
in den Hut. Doch dies ist nicht der friedlichste Ort; dies ist Kambodscha. Der
Mann spielt eine traurige Melodie: Eine der sieben Millionen Landminen
hat ihm beide Beine weggesprengt. Seine einzige Hoffnung sind nun die Touristen,
die endlich nach Kambodscha zurückkehren. Er zeigt ihnen seine verstümmelten
Beine, doch sie sind gekommen, um Tempel zu sehen.

 

Weltkulturerbe Angkor Wat

Einen Tempel wollen sie vor allem sehen: der dem Hinduismus gewidmete
Tempel „Angkor Wat“. Die Unesco hat das grösste sakrale Bauwerk der Welt
zum Weltkulturerbe erklärt. Von
Angkor aus regierten vom 9. bis 13. Jahrhundert die Khmer über ein Grossreich.
Die Ueberreste der Hauptstadt im Dschungel, die mit einer Million Einwohnern grösser
als jede Stadt Europas war, sind auf 200 Quadratkilometern verteilt. „Angkor
Wat“ war dabei wie eine Stadt in der Stadt, das spirituelle Zentrum der
Khmer-Herrscher. Die hölzernen Gebäude – etwa Wohnquartiere – sind längst
vermodert. Uebriggeblieben ist nur das Heilige, denn für das Heilige waren
Steine reserviert. Jeder Khmer ist
stolz auf „Angkor Wat“, auch wenn es für die meisten ein lebenslanger Traum
bleibt, die Silhouetten der fünf Türme je mit eigenen Augen zu sehen.
Kambodscha kannte wahrlich bessere Zeiten.

 

Symbiose: Natur und Kultur

Doch hofft das Land am Mekong, dass wieder bessere Zeiten kommen – mit
ausländischen Investoren und ausländischen Touristen. Dank der sehr deutlichen
Verbesserung der Sicherheitslage hat der Tourismus
dieses Jahr wieder angezogen. Von ihm profitiert zum Beispiel das fünfjährige
Mädchen, das mich seit geraumer Zeit begleitet und beständig fragt, ob ich
einen „cold drink“ wolle. Mit dem
Verkauf von kalten Getränken, Postkarten und der Sonne ausgesetzten Farbfilmen
ernährt sie ihre ganze Familie. Die Hitze sorgt dafür, dass ich nicht mehr
lange widerstehen kann. Mit einer Mineralwasserflasche in der Hand betrete ich
einen der magischen Orte Kambodschas: der dem Buddhismus gewidmete Tempel „Ta
Promh“
. Bewusst wurde er so belassen, wie ihn 1860 die Franzosen wieder
entdeckt hatten. Riesige Würgfeigen haben sich in jahrhundertelanger Arbeit um
die Steinblöcke geschlungen und diese teilweise entzweigebrochen. Gleichzeitig
helfen die mächtigen Pflanzen aber auch, den Tempel vor dem Einbruch zu
bewahren. Eine seltene Symbiose zwischen Natur und Kultur, die nur noch durch
den Einbruch eines Monsunschauers übertroffen werden kann. Unbeschreibliche
Romantik.

 

Zurück in der Hauptstadt, zurück in der Realität: „Wanna shoot gun?“,
fragt mich jemand und meint damit eine Schiessanlage, in der man alles vom
Revolver bis zum raketenbetriebenen Granatenwerfer ausprobieren kann. Der blanke
Zynismus in einem Land, das ausser Waffen
nichts im Ueberfluss hat. Es ist eben doch alles ein bisschen verrückt.

Bilder
und Text: Marcel Stoessel.

Unser Autor bereiste 1997 und 1998 während mehrerer Monate Kambodscha. Er war
bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr als Internationaler Wahlbeobachter
tätig.

Mit
Raketenwerfern schiessen und mit Kommunisten Roulette spielen

Den Khmer blieb in den letzten drei Jahrzehnten auch gar nichts erspart.
Erst war es die Verwicklung in den Vietnamkrieg,
dann der kommunistische Völkermord,
schliesslich zwei Jahrzehnte Bürgerkrieg
gegen die verbliebenen Roten Khmer. Wenn heute das südostasiatische Land zur
Ruhe gekommen ist und für Touristen wieder gefahrlos bereist werden kann, so
heisst dies noch nicht, dass Kambodscha ein normales Land geworden ist.

Das zeigt sich zum Beispiel, wenn man abends ausgeht. „Heart
of Darkness“
(Herz der Dunkelheit) heisst die populärste Bar Phnom Penhs,
benannt nach dem Roman Joseph Conrads. Hier treffe ich auf allerlei interessante
Ausländer. Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen, Journalisten,
Rucksack- und andere Touristen, Bodyguards und Kriminelle trinken in entspannter
Atmosphäre ein Bier oder zwei, während eine Spinnenattrappe von der Decke
runterhängt und eine tote Schlange aus dem Schlangenwein starrt. Zehn Minuten
entfernt ist die teuerste Disco, vor der ein Schild darauf hinweist, die Waffen
abzugeben: „Absolutely no firearms“.

Mehr als genug Feuerwaffen gibt es dafür bei den beiden Schiessanlagen,
wo jederman(n) seinen Instinkten freien Lauf lassen kann. Die Preise in der günstigeren
Anlage: Revolver fünf Dollar, Kalaschnikow
acht Dollar, Handgranate zehn Dollar, B-40
(raketenbetriebener Granatenwerfer) 45 Dollar; Munition exklusive. Die
Instruktionen dauern jeweils etwa eine Minute, und der lokale Armeekommandant
liegt in der Hängematte, gleich neben einem heiligen buddhistischen Schrein. In
der teureren Anlage habe einer einmal für 1’200 Dollar geschossen, erzählt mir
ein Schweizer Angestellter….

Doch der Höhepunkt der bizarren Gegensätze Kambodschas ist Pailin,
die halbautonome Provinz der Roten Khmer
an der thailändischen Grenze. „Ehemalige Rote Khmer“ sind es heute natürlich,
doch einige haben nicht einmal die Uniform gewechselt. Aehnlich wie im Wilden
Westen (Pailin ist im Westen Kambodschas) tragen zahlreiche Männer Waffen, wenn
sie durch die staubige Hauptstrasse gehen oder abends Billard
spielen. Auch der Hotelbesitzer schläft (in der Eingangshalle) unter seinem
Moskitonetz stets neben einer Pistole. Zufällig treffe ich auf Mey
Meak
, der 13 Jahre der persönliche
Sekretär Pol Pots
war und hier – wie viele Rote Khmer – unbehelligt lebt.
Er sei gerade dabei, ein Gasthaus zu bauen. Auch Pailin möchte seinen
Tourismusaufschwung – der Handel mit Edelsteinen
und das Kasino sollen Devisen
einbringen. In letzterem kann man ab und zu auch gegen Rote Khmer Roulette
spielen, die seinerzeit das Geld abgeschafft haben. Mey Meak fragt mich, wie er
seine Unterkunft benennen solle, damit die Touristen zu ihm kämen. „Khmer
Rouge guesthouse“, antworte ich.

  
Reiseinformationen
Kambodscha

Anreise:
Tägliche Flugverbindungen nach Phnom Penh und Siem Reap (Angkor) bestehen ab
Bangkok. Visum: Wird bei der Ankunft
an den Flughäfen ausgestellt (20 US $). Hotellerie:
Gut ausgebaut (alle Preislagen) aufgrund der UNO-Präsenz 1992/93. Restaurants:
Gute asiatische und westliche Küche an den Touristenorten. Transport:
Am sichersten sind Inlandflüge, für Abenteurer gibt es Bootsfahrten auf dem
Tonle Sap und dem Mekong. Beste Reisezeit:
Ganzjährig problemlos bereisbar, Trockenzeit November bis Februar. Gesundheit:
Ueber eine Malariaprophylaxe sollten Sie mit einem Tropenarzt sprechen. Sicherheit:
Vorsicht nachts in Phnom Penh (Überfälle); ohne Führer nie einen Weg
verlassen (Landminen). 

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