Weltreisen für 25 Franken pro Tag

© Anzeiger, 2. August 2000

Ostschweizer,
28 Jahre jung, von Beruf gegenwärtig Journalist und Student, besucht
aussergewöhnliche, noch wenig bekannte Länder: Marcel Stoessel liebt und
lebt für Reisen und Schreiben.

Als Kind war sein Traumberuf
Tierarzt, im Alter von 11 oder 12 begann ihn alles zu faszinieren, was
mit Kommunikation zu tun hat. So ist er dann schon mit 12 Jahren zum
Journalismus gekommen: Damals hat er eine Schülerzeitung mit Auflage 100
herausgegeben. Während der Kantonsschulzeit schrieb er schon für das
damalige «St.Galler Tagblatt», Ausgabe Wil, und moderierte bei Radio
Wil. Heute, zehn Jahre später, bezeichnet Stoessel sich am liebsten als
«Reisejournalist». Ob der Journalist oder das Reisen ihm wichtiger und
lieber ist, kann und will er nicht sagen: Für ihn gehört es nun einmal
zusammen! Jetzt ist er neben der journalistischen Tätigkeit wieder am
Studieren und sieht sein Berufsziel darin, Auslandkorrespondent für eine
führende Tageszeitung, für Radio oder Fernsehen zu werden. In Frage
käme vielleicht auch noch die Arbeit für eine unabhängige internationale
Organisation – aber keine Regierungsorganisation, wie er betont.

Journalisten
gibt es viele, gute wie schlechte. Was ist denn das Besondere an diesem
Marcel Stoessel?
Verdient hat er bisher nicht viel an seiner
journalistischen Tätigkeit, gereist ist er jedoch wie wenige in seinem
Alter, und zwar am liebsten in ausgefallene, abgelegene Gegenden in
Asien und Afrika, weit ab vom Urlaubstourismus, wo die andern
Journalisten nicht zu finden sind. Warum? Er will seinen Mitmenschen die
Welt erklären, nicht mehr und nicht weniger. Wohin sein Weg führen
soll, das hat er nie so klar gewusst, weder sein Reiseweg noch sein
Lebensweg, und doch sagt er, alles hätte bisher noch immer recht
geendet. Reisen und Schreiben, das ist sein Leben, und er bringt es
fertig, für 25 Franken im Tag die Welt zu bereisen! Klar, dass er es auf
seinen Fahrten manchmal mit der Angst zu tun kriegt, weil er ja in
Gebiete reist, die wenig erschlossen sind! Da ist er einmal freiwilliger
Wahlbeobachter in Kambodscha, dann erlebt er schon auch gelegentlich
eine Schiesserei und erzählt uns, wie er in den Mekong gefallen ist: 

«In
Laos reiste ich als eine Art Passagier auf einem Frachtboot durch den
Dschungel, setzte mich zur besseren Sicht auf das Dach des langen
Bootes, ein Sturm brach herein, und beim Versuch, vom Dach
herunterzuklettern, glitt ich aus und fiel in den Strom. Das Schiff fuhr
weiter, ich wusste nicht, ob mein Sturz von der Mannschaft beobachtet
worden war, es regnete, dass man die Hand nicht vor den Augen sah, und
das Wasser war eine dunkelgrüne Brühe. Sollte ich versuchen, an Land zu
schwimmen? – aber was dann? Ich wusste ja nicht, wo ich war, wie weit
von einer Siedlung, von andern Menschen und in welcher Richtung ich mich
durch den Dschungel schlagen müsste. Ich hoffte, dass einer von der
Mannschaft meinen Sturz bemerkt hatte » Und er hatte Glück: Das Schiff
kehrte nach einiger Zeit zurück, man reichte ihm eine lange Stange in
die Fluten, an der er sich festklammerte. Was er nicht wusste, war, dass
dies hierzulande ein normales Prozedere zur Rettung aus dem Wasser war
und dass man von ihm erwartete, dass er die Stange hinaufklettere – bis
man ihn schliesslich völlig erschöpft aus dem Fluss herauszog. Mancher
hätte nach einem solchen Erlebnis die Abenteuerreisen aufgegeben, doch
Stoessel liegen Abenteuer und Reisen tief im Blut.

Schon aus seiner
Kindheit kann er sich nicht erinnern, dass es ihm jemals langweilig
gewesen wäre. Als sein Vater damals einige Jahre in Ägypten arbeitete,
lebte auch er für ein Jahr dort. Leider ertrug er die mit Wüstensand
gesättigte Luft nicht und musste wegen Lungenproblemen wieder nach
Hause. Überhaupt scheint er das Fernweh von seinem Vater zu haben, der
heute für den Bund ein Entwicklungsprojekt in Vietnam leitet. Trotz der
grossen Distanz hat er mit seinem Vater häufigeren Kontakt als zu den
Zeiten, da der Vater noch in der Schweiz war – und zwar nur dank E-Mail,
das Vater und Sohn eifrigst benützen, um miteinander zu
korrespondieren. Diese enge Bindung zum Vater ist auch einer der Gründe,
weshalb er am liebsten Südostasien bereist. Das Verhältnis zu seinem
Vater beschreibt er denn auch als freundschaftlich und unersetzlich, und
der Mutter, die es mit zwei Kindern nicht leicht gehabt hätte, möchte
er eines Tages etwas von dem zurückgeben können, das sie ihm geschenkt
hat. Ob er auch einmal eine eigene Familie gründen wolle? Wenn es sich
mit seiner Tätigkeit vereinbaren liesse, ja, dann schon, aber solange er
gesund sei, möchte er doch in fremden Ländern leben, und wenn sich eben
– zum Beispiel wegen der Schule für die Kinder – kein solcher Ort
finden liesse, dann – ja, dann bleibe er eben unverheiratet. 

Wie
finanziert er denn seine Reisen? Zum Ersten reist er, so unglaublich es
dem Leser scheinen mag, für durchschnittlich 25 Franken pro Tag. In
Indien zum Beispiel könne man sogar für 15 Franken im Tag leben Mit dem
Ertrag seiner journalistischen Berichte von einer Reise finanziert er
dann gleich die nächste. Man sieht: Für ihn gibt es keinen Unterschied
zwischen Arbeit und Freizeit: «Wenn das je der Fall wäre, so würde ich
gleich den Beruf wechseln !» Kein Wunder, dass er zwischen «Ferien» und
«Reisen» einen ganz grundsätzlichen Unterschied macht ! Nach den zwei
wichtigsten Dingen in seinem Leben gefragt, nennt er denn auch als
Tätigkeit Reisen und als Tugend Ehrlichkeit. Auf die Frage, ob Geld ihm
wichtig sei, antwortet Stoessel konsequenterweise mit: « nur zum Reisen
!» Und wenn er nun unerwartet im Lotto eine Million gewänne? Da muss er
im Gegensatz zu den meisten, denen wir diese Frage gestellt haben,
keinen Augenblick nachdenken: «Da würde ich in Südostasien ein
Mikroprojekt für Erziehung oder Gesundheit unterstützen !» Als Beispiel
nennt er Dr. Richners Spital in Kambodscha, das er, tief beeindruckt,
selber besucht hat. «Und noch eins!», fügt er gleich bei, «ich würde mir
dazu noch ein kleines Häuschen in einem Entwicklungsland kaufen, das
muss nicht teuer sein, für dreissigtausend Franken wäre es schon zu
kriegen !»

Die modernen Kommunikationsmittel liebt er, sie
wären eine ganz extreme Bereicherung der Kommunikation. Als Beispiel
führt er an, dass seine Reiseberichte im Internet von bis zu 20 000
Menschen gelesen würden (http://www.stoessel.ch). Die Zukunft der
Kommunikation liege eindeutig im Internet und im digitalen Mobilfunk.
Die Bedürfnisse wären natürlich nicht für jeden gleich, aber für ihn
persönlich liege das Internet mit grossem Vorsprung an der Spitze.
Allerdings liest er auch viel Zeitung, eine gute Stunde im Tag – er ist
ja schliesslich Journalist und will immer bestens orientiert sein. Von
der Sensationspresse hält er gar nichts, den «gehobenen Boulevard»
hingegen empfindet er als Bereicherung. Bücher hätte er in der Schule
gelesen – vielleicht käme das für ihn später wieder in Frage, momentan
hätte er einfach keine Zeit, zu seinem Vergnügen zu lesen. Fernsehen
interessiert ihn wenig, und Radio hört er, weil er selber dabei
mitarbeitet. Hingegen hofft er, dass Kino, Theater, Oper, Konzerte
weiterhin Bestand haben, denn er sieht sie als «kulturell-soziale
Erlebnisse».

Mit seinen eigenen Leistungen ist er, der doch
sonst einen recht selbstbewussten Eindruck hinterlässt, nie zufrieden.
Er sei eben Perfektionist, erklärt er. Seine grösste Befriedigung liegt
darin, mit interessanten Menschen eine offene Diskussion zu führen; sein
grösster Wunsch für die Menschheit ist innerer und äusserer Frieden. Er
glaubt an das Gute im Menschen und erzählt uns, dass ihn der Buddhismus
im fernen Osten sehr fasziniert und tief beeindruckt habe, vor allem
die Mönche: «Man spürt geradezu ihren grossen inneren Frieden !» Und um
Missverständnissen vorzubeugen, fügt er gleich bei: « aber ich bin ein
gläubiger Christ !»

Hans Zollikofer

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