«Haiti – vieles erreicht, vieles ist noch zu tun»

Der
Ostschweizer Marcel Stoessel war nach dem Erdbeben Leiter der
Hilfsorganisation Oxfam in Port-au-Prince, um deren weltweit grösstes
Nothilfeprogramm zu lancieren. Vier Monate später spricht er über die
internationale Hilfe und das neue Haiti:

In der Geschichte der
Menschheit gab es wohl selten 40 Sekunden, die auf einen Schlag mehr
Tod, Zerstörung und Angst gebracht haben als jene 40 Sekunden am späten
Nachmittag des 12. Januar 2010, als ein apokalyptisches Erdbeben die
Millionenstadt Port-au-Prince erschütterte. Diese Katastrophe war für
die meisten Haitianer so einschneidend, dass sie ihr Leben seither in
ein «Vor dem 12. Januar» und «Nach dem 12. Januar» einteilen.

Alle
neun Millionen Haitianer waren in irgendeiner Form betroffen: Mehr als
200 000 wurden getötet, 300 000 verwundet, 1,5 Millionen obdachlos,
Hunderttausende haben die Hauptstadt in Richtung der Provinzen
verlassen.

Der materielle Schaden wird auf bis zu 13 Milliarden
US-Dollar geschätzt. Das riesige Trauma der Menschen lässt sich nicht
beziffern.

Unglaublich widerstandsfähig

Auch die
Hilfswerke wie Oxfam wurden nicht verschont. Wir verloren zwei
Mitarbeiter und eines von zwei Bürogebäuden. Die eilig herbeigeflogenen
43 Nothilfe-Spezialistinnen und -Spezialisten verbrachten während
mehrerer Wochen die Nächte zwischen den 16-Stunden-Arbeitstagen in einem
Garten.

Genauso wie die Haitianerinnen und Haitianer eine
unglaubliche Widerstandsfähigkeit bewiesen haben, so haben auch unsere
einheimischen Mitarbeitenden ein beeindruckendes Engagement gezeigt. Auf
einer Türe trugen sie unseren schwerverletzten stellvertretenden
Landesleiter in ein Auto, fuhren im Chaos in das Regierungsspital, nur
um herauszufinden, dass es zu spät war.

In der ersten Nacht hörten sie die Schreie aus den Trümmern, die Namen der Vermissten, die religiösen Gesänge, das Weinen.

Doch
am nächsten Morgen beerdigten sie ihre Verwandten und Freunde, kamen
zur Arbeit und begannen sofort, lebensrettende Aktionen einzuleiten.
Innerhalb von wenigen Tagen versorgten wir 80 000 Menschen mit sauberem
Trinkwasser, begannen Latrinen in den Flüchtlingslagern zu bauen,
bezahlten Hunderte von Leuten, um die Strassen zu räumen, und verteilten
Zelte und Plastikblachen.

Über lokale Radiostationen gaben wir
bekannt, dass wir Ingenieure, Logistiker, Sozialarbeiter suchen. In
kürzester Zeit verpflichteten wir mehr als 200 kompetente Haitianerinnen
und Haitianer, so dass wir bald unser Programm weiter ausdehnen
konnten. Wir fingen an, Gemeinschaftsküchen zu eröffnen, Gebäude auf
ihre Erdbebensicherheit zu untersuchen (damit die Menschen sich besser
entscheiden konnten, ob sie zurückkehren wollen), und grosse
Abwasserkanäle zu reinigen, um Überflutungen während der Regenzeit
vorzubeugen.

Bis heute haben wir mehr als 330 000 Menschen mit unserer Hilfe erreicht.

Zugang zu sauberem Wasser

Und
doch kann es in einer solchen Situation nie genug sein, und es kann
auch nie schnell genug sein. Wenn 1,5 Millionen Menschen sofort Hilfe
brauchen, ist es immer zu wenig und zu langsam, Ich fuhr jeden Tag an
vielen «We need help»- Schildern vorbei, und jedesmal hätte ich gerne
angehalten und den Leuten Wunder versprochen.

Doch ich bin
überzeugt, dass die internationalen Hilfsorganisationen alles getan
haben und immer noch alles tun, was unter den schrecklichen Umständen
möglich war. Jede obdachlose Familie – also 1,5 Millionen Menschen –
haben ein Zelt oder zwei Plastikblachen erhalten. Mehr als drei
Millionen Menschen haben Nahrungsmittelhilfe bekommen, mehr als eine
Million Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser – dies ist mehr als vor
dem Erdbeben.

Und es gibt trotz dieser grossen Katastrophe keine
Hungersnot und keinen Ausbruch der befürchteten Epidemien. Wir sind
stolz, dies zusammen mit den Haitianerinnen und Haitianern geschafft zu
haben.

Furcht vor Wirbelstürmen

Doch heisst dies in keiner
Weise, dass wir unsere Bemühungen nicht verdoppeln und verdreifachen
müssen, um den Erwartungen der Bevölkerung besser gerecht zu werden. Vor
allem beunruhigt uns immer noch die bevorstehende Hurrikan-Saison.

Schwere
Regenfälle und Wirbelstürme könnten die Lebensbedingungen für die
obdachlosen Menschen noch unakzeptabler machen. Um dies zu verhindern,
müsste die Regierung der Bevölkerung mehr Land zur Verfügung stellen,
damit dort provisorische Häuser gebaut werden können. Land ist knapp in
dem überbevölkerten Land, und die Regierung müsste hier Führungskraft
beweisen. Denn als Hilfswerke können und sollten wir die gewählte
Regierung nicht ersetzen.

Chance für ein neues Haiti?

Der
Regierung wird auch die Schlüsselrolle zukommen, wenn es um den
Wiederaufbau geht. Präsident Préval sprach Ende April an der
Geldgeberkonferenz in New York nicht von «Wiederaufbau», sondern gar von
einer «Neugründung» Haitis. Dies könnte vielleicht wirklich eine
Gelegenheit sein, die ineffiziente Administration zu verändern und die
Ungleichheiten zwischen Arm und Reich abzuflachen.

Geld
jedenfalls scheint genug vorhanden zu sein – die Geberländer versprachen
Haiti 9,9 Milliarden US-Dollar. Der gute Wille der internationalen
Gemeinschaft ist beeindruckend – eine wichtige Voraussetzung für ein
neues Haiti, für ein besseres Leben in der neuen Epoche «Nach dem 12.
Januar».

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