Winterthurer Stadtanzeiger : Riskante Hilfe im Kongo

In der Demokratischen Republik Kongo kamen
seit 1998 rund 5,4 Millionen Menschen wegen Krieg, Hunger oder
Krankheit ums Leben. Der Winterthurer Marcel Stössel leistet als
Landesdirektor der Hilfsorganisation Oxfam kurz- und langfristige
Unterstützung für das Volk.

100 000 Kongolesen wurden Anfang Juli aus ihren Häusern vertrieben. Bild: pp.
Winterthur/Kongo: Über 1000
getötete Menschen, mehr als 7000 vergewaltigte Frauen und Mädchen, über
900 000 aus ihren Häusern vertriebene Menschen – dies alles während
einer einzigen Militäroperation gegen Rebellen im vergangenen Jahr. In
der Demokratischen Republik Kongo in Afrika herrscht Bürgerkrieg.
Hilfsorganisationen versuchen, der Zivilbevölkerung zu helfen. Darunter
auch Oxfam. Bei dieser Hilfsorganisation ist der 36-jährige Winterthurer
Marcel Stössel als Landesdirektor für den Kongo tätig. Er versucht, mit
den vorhandenen Geldern und personellen Ressourcen das Wohl der Kinder,
Frauen und Männer zu schützen und zu fördern.

Menschenwürde begraben
Oxfam ist in Ländern nach Naturkata-strophen, wie
aktuell Pakistan oder Haiti, für humanitäre Soforthilfe zur Stelle. Doch
auch in anderen Krisengebieten, von denen kaum noch gesprochen wird,
wird neben der kurzfristigen Unterstützung noch an langfristigen
Projekten gearbeitet. Marcel Stössel ist vor Ort im Kongo dafür
zuständig. Nur wenige Tage pro Jahr verbringt er in seiner Winterthurer
Wohnung. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem die Koordination von
250 Angestellten, wovon 230 aus dem Kongo selbst stammen. Auch dass die
Gelder von ausserhalb, also Spenden und finanzielle Beiträge durch
Regierungen, am richtigen Ort eingesetzt werden. Der 36-Jährige selbst
ist ständig in allen Landesteilen unterwegs.
Vor 15 Jahren wurde in diesem afrikanischen Staat
der über 30 Jahre herrschende Diktator Mobutu Sese Seko gestürzt.
Daraufhin folgten, noch bis heute andauernd, Rebellionen im Osten des
Landes. Seither verstarben über 5,4 Millionen Einwohner wegen Krieg und
seinen Konsequenzen (Hunger, Krankheit). «Da der Kongo über viele
Bodenschätze verfügt, zum Beispiel Gold und Koltan (was zur Produktion
von Mobiltelefonen gebraucht wird), versucht auch das benachbarte
Ausland von den Ressourcen zu profitieren», erklärt Marcel Stössel.
Heute seien rund 50 Rebellengruppen aktiv. «Diese bestehen oft aus
Kongolesen, werden aber zum Teil auch von den Nachbarländern
unterstützt.»
Die Regierung versuche, mit Hilfe von
Friedensabkommen Rebellengruppen in ihr eigenes Militär zu integrieren.
Doch diese Kontrolle funktioniere nicht wie erhofft. «Dieser angestrebte
Frieden hat seinen Preis: Auch Teile des Militärs missachten die
Menschenrechte. Täglich finden Massaker statt, Menschen werden aus ihren
Häusern vertrieben», erzählt Marcel Stössel. So seien alleine in der
ersten Juliwoche dieses Jahres 100 000 Menschen vor den Rebellengruppen
und dem Militär geflohen – also fast so viele Einwohner, wie die Stadt
Winterthur hat.
Krankheiten wegen Wasser
«Doch auch ohne diese Krisen im Osten gäbe es ein
humanitäres Problem – denn der Kongo, mit 66 Millionen Einwohnern, ist
unter den zehn ärmsten Ländern der Welt zu finden.» Mit Oxfam will
Marcel Stössel helfen. Bekannt ist die Organisation durch ihre
Wasserprojekte. So errichtete man mit Hilfe lokaler Organisationen
beispielsweise im Bezirk Lubero ein Wassersystem für 320 000 Menschen.
«Sauberes Wasser ist das Wichtigste! Durch dreckiges Wasser werden,
beispielsweise auch jetzt bei den Überschwemmungen in Pakistan, tödliche
Krankheiten übertragen.» Es müsse auch eine Sensibilisierung bei der
Hygiene erfolgen, da diese, wenn mangelhaft durchgeführt, auch
Krankheiten verbreite.
Ebenfalls fördert Oxfam die Primarschulausbildung
und setzt sich dafür ein, dass junge Frauen den Unterricht besuchen
können: «Oftmals denken die Eltern, dass Mädchen sowieso keine
Ausbildung benötigen.» Auch will Oxfam eine Stimme für die Bevölkerung
sein. Regelmässige Umfragen direkt bei den Betroffenen ergeben
schreckliche Fakten. So sei die Zivilbevölkerung selbst im Einzugsgebiet
von Uno-Stützpunkten nicht sicher. Solche Informationen an die
internationalen Regierungen weiterzureichen, gehört ebenfalls in das
Aufgabengebiet von Marcel Stössel.
Raub und Drohungen
Doch auch die Hilfsorganisationen können sich nicht
frei bewegen. «Es gab bereits Morde und Entführungen bei Helfern»,
erzählt der Winterthurer. Oxfam-Mitarbeitende wurden bisher meistens
verschont. Ausser Raub, Drohungen und Autounfällen wegen schlechter
Strassen hätten sie Glück gehabt. «Es darf aber nie zur Gewohnheit
werden, dass solche Übergriffe zum Alltag gehören.»
Doch der 36-jährige kritisiert: «Es ist eine grosse
Schande, dass global für humanitäre Soforthilfe nur etwa zehn Milliarden
Franken benötigt werden – und trotzdem kämpfen wir jedes Jahr dafür,
Mittel für diese lebensrettenden Interventionen zu bekommen. Doch zur
Unterstützung einer Bank oder Griechenlands fliessen solche Beträge
sofort.» Er bewundert aber die Kongolesen: «Flüchtige werden meist von
anderen Familien aufgenommen, es herrscht ein enger Zusammenhalt. Zudem
haben sie einen unvorstellbar grossen Überlebenswillen.»
Weitere Informationen: www.oxfam.org.uk
Marcel Stössel, 36 Jahre
Der Winterthurer reiste schon seit Kindesalter in
viele Länder und lebte ein Jahr in Kairo, was laut ihm seine kulturelle
Offenheit erklärt. Marcel Stössel studierte Internationale Beziehungen
in Genf und arbeitete als Radiojournalist, bevor er 2001 eine Stelle
beim Roten Kreuz übernahm. Seine Aufträge führten in nach Palästina,
Afghanistan oder auch Haiti. Seit 18 Monaten arbeitet er als
Landesdirektor Kongo für die Wohltätigkeitsorganisation Oxfam.

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