Haiti: Wunder dauern länger als drei Jahre

Haiti: Wunder dauern länger als drei Jahre
Anlässlich des dritten Jahrestages des verheerenden Erdbebens in Haiti vom 12. Januar 2010 wurde heftige Kritik an internationalen Hilfsorganisationen laut. Zu wenig, zu langsam und an der haitianischen Regierung vorbei sei Hilfe geleistet worden. Die Kritik konzentriert sich auf NGOs (Nichtregierungsorganisationen), aber klammert die Rolle der haitianischen Regierung und Verwaltung völlig aus.
 

Ebenso vergessen viele, dass Haiti schon vor dem Erdbeben das ärmste Land der westlichen Hemisphäre war. Am 12. Januar 2010 lebten 80% der Menschen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag. Die Bevölkerung litt auch an einer Quasi-Absenz eines Staates: Das Erziehungs- und Gesundheitswesen war fast ganz privatisiert; selbst die Grundernährung war ohne ausländische Hilfe nicht sichergestellt. In den 50 Jahren vor dem Erdbeben erhielt Haiti mehr Entwicklungshilfe pro Einwohner als die Europäer unter dem Marshallplan.

Zunächst lebensrettende Nothilfe
Extreme Armut, schwache Institutionen, Korruption, und dann oben-drauf dieses apokalyptische Erdbeben, das 230 000 Menschen tötete, 300 000 verwundete, und 1,5 Millionen aus ihren Häusern vertrieb. Die Zerstörung des Präsidentenpalastes sowie von fast allen Ministerien, Tod und Obdachlosigkeit von Verwaltungsangestellten schwächten den Staat zusätzlich. Nicht einmal eine Immigration gab es mehr, als ich mit einem humanitären Flug in Port-au-Prince landete. 

Unter diesen Umständen übernahmen ausländische Organisationen die lebensrettende Nothilfe. Sie taten dies in Konsultation mit dem, was von staatlichen Institutionen noch übrig war, und selbstverständlich aufgrund der Bedürfnisse, wie sie von den betroffenen Haitianerinnen und Haitianern ausgedrückt worden waren. Zehntausende haitianische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiteten für diese NGOs. 
 

Irreführende Kritik
Hier setzt die irreführende Kritik an: Eine «Republik der NGOsei aufgebaut worden. Die Realität sah anders aus: Obwohl die Behörden ihr bestes taten, behinderten sie in der Anfangsphase manchmal auch Hilfsmassnahmen (z. B. wurden Fahrzeuge wegen nicht- haitianischer Immatrikulierung beschlagnahmt; das zuständige Amt war aber nicht mehr funktionsfähig). Nach den Wahlen 2010 hat sich der Staat selbst noch zusätzlich gelähmt, als sich Präsident und Parlament während fünf Monaten nicht auf einen Premierminister einigen konnten. Dies hat zum Beispiel den Abschluss neuer Kooperationsverträge verunmöglicht. 

Trotzdem kam die unter widrigste Umständen organisierte Nothilfe an. Von den zehn Millionen Kubikmetern Trümmern ist heute fast nichts mehr übrig, und die Räumung war schneller als nach 9/11 in New York. Mehr als drei Millionen Kinder wurden geimpft. Die Wasserversorgung ist heute vermutlich besser als vor dem Erdbeben, und die befürchtete Hungersnot blieb aus.

Heute leben noch 350 000 Menschen in Zeltlagern. Das sind zu viele. Es sind jedoch 1,25 Millionen Menschen weniger als vor drei Jahren, für die eine bessere Lösung gefunden werden konnte. Das grösste Problem war dabei immer, dass die Regierung den politischen Willen nicht hatte, Land von einflussreichen privaten Grosseigentümern im Notrecht zu konfiszieren und den Vertriebenen zur Verfügung zu stellen.

Gewählte Behörden in der Pflicht
Wenn es nicht mehr Fortschritte gibt, so liegt es weniger an irgendwelchen neokolonialistischen internationalen Organisationen, sondern an fehlenden Landtiteln, einer fehlenden Umsiedlungspolitik und einer fehlenden Agrarreform. Dies sind Themen für Regierung und Parlament. Denn wir NGOs wollen eben nicht, wie uns vorgeworfen wurde, die gewählten Behörden ersetzen. 

Die langfristige Entwicklungszusammenarbeit hat wieder eingesetzt. Es gibt hoffnungsvolle Anzeichen für eine verbesserte Partnerschaft mit der Regierung. Die Situation beginnt sich langsam wieder an jene vor dem Erdbeben anzugleichen. Eine beeindruckende Leistung in drei Jahren, denn Wunder dauern in Haiti einfach länger.

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